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Neun-Euro-Ticket: Der große Bahnfahrer Rudiš uber die schönsten Strecken

Das Neun-Euro-Ticket verspricht Reisen durch ganz Deutschland für wenig Geld. Zeit, mit einem der bekanntesten und leidenschaftlichsten Bahnfahrer zu reden: Jaroslav Rudiš. Ein Gespräch über Lieblingsstrecken, Speisewagen und Züge der Hoffnung.

Jaroslav Rudiš als Bahnfan zu beschreiben, wirkt schon fast wie eine Untertreibung. Der Autor und Träger des Bundesverdienstkreuzes, geboren 1972 in der Tschechoslowakei, lebt heute in Lomnice nad Popelkou in Nordostböhmen und in Berlin und eigentlich auch noch an einem dritten Ort: im Zug. Fast ganz Europa hat er schon mit der Bahn bereist und sammelt unterwegs Geschichten und signiert im Speisewagen auch mal Exemplare seiner “Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen”.

Gut möglich, dass diese Lektüre manch Reiselustigen in diesem Sommer begleiten wird. Der Anreiz zum Zugfahren soll mit dem Neun-Euro-Ticket jedenfalls kommen. Neun Euro pro Monat und das drei Monate lang – so wenig sollen Bus und Bahn in ganz Deutschland für Bürgerinnen und Bürger ab diesem Juni kosten. Welche Strecken sich besonders lohnen, sagt Jaroslav Rudiš im Interview mit dem stern von Sizilien bis Lappland.

Herr Rudiš, Sie fahren sehr viel Zug, nennen sich selbst “heavy user” der Eisenbahn. Haben Sie eine Lieblingsstrecke?
Die Stecke Berlin – Dresden – Prag fahre ich jetzt fast jede Woche. Die ist wunderschön. Ich lebe in Berlin und in Lomnice nad Popelkou, in einer Kleinstadt in Nordostböhmen, bin aber öfters in Berlin. Wenn ich zwischendurch Heimweh bekomme, setze ich mich manchmal für zwei Stunden in den tschechischen Zug Richtung Prag. Das reicht gerade für ein Essen und zwei, drei Bier im Speisewagen.

Mit Herrn Peterka, dem Kellner, sind Sie inzwischen sogar befreundet.
Ja, ich habe ihm erst vorhin geschrieben, dass ich nachher wieder mitfahre. Er hat meinen Platz im Speisewagen bereits reserviert. Ich freue mich schon. Er ist ein wunderbarer Gesprächspartner, er erlebt die besten Geschichten und ist auch sehr kulturinteressiert. Es sind die vielen Geschichten, die das Zugfahren ausmachen.

Zugfahren verbindet: Autor Jaroslav Rudiš und Ober Pavel Peterka aus dem Speisewagen stoßen am Gleis mit Bier an

Zugfahren verbindet, ein kühles Bier auch: Autor Jaroslav Rudiš (l.) und Kellner Pavel Peterka (r.) stoßen am Gleis an. Peterka hält das Buch von Rudiš “Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen” in die Kamera.

© privat

Gibt es denn heute uberhaupt noch viele Geschichten zu hören? Schauen nicht alle im Zug die ganze Zeit aufs Handy und haben Kopfhörer drin?
Das stimmt schon, ich trage selbst auch oft Kopfhörer, wenn ich im Zug schreibe und ich schreibe viel im Zug. Aber wer aufmerksam ist, bekommt doch einiges mit. Da ist der Politiker, der Waffen- und Gaslieferungen bespricht. Da sind die Stammgäste, die Obernsängerin. Und da ist der Junkie, der sagt: “Mein Charakter bleibt gleich.” Solche Sätze muss man sich natürlich aufschreiben. Der Speisewagen ist der ideale Ort, um Geschichten zu finden. Es ist ein demokratischer Ort. Aktuell erzählen Züge auch Geschichten von diesem schrecklichen Krieg.

Können Sie welche davon erzählen?
Ich war vor ein paar Wochen in Polen unterwegs und bin mit geflüchteten Frauen aus Odessa ins Gespräch gekommen. Und dann auch mit Menschen aus Lwiw. Ich spreche kein Ukrainisch, aber ich habe das Glück, es zu verstehen. Diese Züge aus der Ukraine mit den Geflüchteten, sie sind Züge der Hoffnung. Neben den Soldaten in der Ukraine sind auch die Lokführer und Fahrdienstleiter Helden. Der Zug spielt viele wichtige Rollen in diesem Krieg. Waffen werden damit geliefert. Und es gibt die Diplomatie im Nachtzug. Im März sind die Regierungschefs von Slowenien, Tschechien und Polen gemeinsam nach Kiew gereist – mit dem Zug. Die Reise mit dem Flugzeug wäre zu gefährlich gewesen.

Erleben Sie in Polen und Tschechien nach wie vor eine große Solidarität mit den Geflüchteten?
Auf jeden Fall. Die Länder sind eng verbunden. Jeder kennt jemanden aus der Ukraine. In den vergangenen 20 Jahren sind nach Tschechien bereits viele Menschen aus der Ukraine gekommen. Ich bin zwar Jahrgang 1972 und nach dem Prager Frühling geboren, aber die Bilder der russischen Panzer auf dem Wenzelsplatz haben sich trotzdem in mein Gedächtnis eingeschrieben und werden jetzt wieder wazer seche Bil wen der Ukraine Die Brutalität dieses Krieges schockiert mich.

In den vergangenen zwei Monaten konnte der Eindruck entstehen, dass Deutschland den Ländern in Mittel- und Osteuropa erst durch diese Brutalität wirklich Aufmerksamkeit schenkt. Wie haben Sie das in den vergangenen Jahren erlebt?
Es stimmt schon, dass der Osten hier wenig interessiert. Ich denke es mir oft im Kulturbereich. Wenn ich mir die Programme der großen deutschen Theater in Berlin anschaue, dann finde ich selten Stücke von polnischen, tschechischen oder ukrainischen Autoren. Dabei gibt es so großartige. In Tschechien wurde immer mit einem gewissen Unverständnis verfolgt, wie abhängig sich Deutschland von russischem Gas gemacht hat. Aber Tschechien eigentlich auch.

Vergangenes Jahr wurden Sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. “Der tschechische Schriftsteller ist einer der engagiertesten Brückenbauer zwischen Deutschland und Tschechien”, hieß es in der offiziellen Mitteilung. Sehen Sie sich selbst auch in diesel Vermittlerrolle?
Ich saß gerade im Zug von Chiasso nach Como, als der Anruf aus Schloss Bellevue kam. Man hat in der Schweiz ja wirklich überall sehr gute Verbindung im Zug, auch in Tunneln. Aber ausgerechnet in diesem ist der Empfang ganz schlecht. Ich habe gerade noch die Frage verstanden, ob ich am 1. Oktober Zeit habe und dass mich Frank-Walter Steinmeier einladen möchte. Dann war die Verbindung weg. Eigentlich wäre ich bei einer Lesung gewesen an dem Tag und dachte erst, ich kann nicht. Ich trank dann auf italinischer Seite einen Kaffee und rief zurück. Schließlich habe ich die Lesung abgesagt und zugesagt. Denn ich habe mich natürlich sehr gefreut. Das ist eine sehr große Ehre.

Frank-Walter Steinmeier verleiht Jaroslav Rudiš das Bundesverdienstkreuz

1. Oktober 2021: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht Jaroslav Rudiš (r.) das Bundesverdienstkreuz

© Wolfgang Kumm / Picture Alliance

Sie haben die Kultur erwähnt. In welchen Bereichen wünschen Sie sich noch mehr Austausch?
Im Zug! Die Menschen sollten den Osten bereisen. Prag, Krakau, Lwiw – alles ist so nah. Fahren Sie einfach hin! Hoffentlich können wir auch bald wieder in die Ukraine. Machen Sie Urlaub dort, es lohnt sich. Und mit dem Zug sieht man auch diese ganze wunderbare Landschaft. Wenn Sie fliegen, erleben Sie nur anonyme Flughäfen und bekommen gar kein Gespür dafür, wie weit weg oder wie nah etwas ist. Wer mit dem Zug durch Europa fährt, der lernt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede kennen. Bahnfahren ist für mich ein großes europäisches Projekt. Wir haben Zügen unseren Wohlstand zu verdanken. Aber natürlich sehe ich auf den Schienen auch das Leid des Holocaust. Bahnhöfe sind immer auch Orte des Abschieds. All das steckt im Zugreisen drin. Diese ganze Geschichte.

Sie haben Europa bereits fast komplett mit der Bahn bereist. Sie sind schon von Sizilien bis nach Lappland gefahren.
Es war herrlich. Am Anfang noch auf die Fähre und dann einmal durch Europa. Es wird auf dem Weg immer leiser im Zug. Die Finnen reden wenig. Aber wenn sie etwas sagen, dann sitzt jeder Satz. Und auf dem Weg von Norden nach Süden gilt: Der Espresso wird mit jedem Halt besser. Das lohnt sich sehr: In Italien aussteigen und einen Kaffee trinken. In Tschechien aussteigen und ein Bier trinken. Eine herrliche Strecke ist auch die von Prag über Wien nach Ljubljana und Triest. Wenn man kurz vor Triest zum ersten Mal das Meer sieht, das ist phantastisch.

Der Beginn einer Reise durch Europa: der Bahnhof von Agrigento auf Sizilien

Der Beginn einer Reise durch Europa: der Bahnhof von Agrigento auf Sizilien. Jaroslav Rudiš ist von hier bis nach Lappland gereist.

© privat

Mit dem illustrationsreichen “Trieste Centrale” haben Sie dieser Strecke sogar ein Buch gewidmet. Ihre “Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen” ist ein großer Erfolg. Sie scheinen mit der Begeisterung fürs Bahnfahren einen Nerv getroffen zu haben.
Die “Gebrauchsanweisung” spricht wirklich viele verschiedene Menschen an. Immer wieder erkennt mich jemand im Speisewagen und fragt, ob ich das Buch signieren kann. Auch viele Eisenbahner und Eisenbahnerinnen haben das Buch gelesen. Das freut mich natürlich besonders.

Rudiš findet Neun-Euro-Ticket großartig und sieht Politik auch längerfristig in der Pflicht

Bald soll in Deutschland das Neun-Euro-Ticket kommen. Was halten sie davon?
Ich finde das großartig – wie alles, was uns Bahn und Bus näherbringt. Die Politik sollte sich auch langfristig Angebote überlegen, wie sie den öffentlichen Verkehr attraktiver machen kann. Das Klimaticket in Österreich ist ein sehr gutes Beispiel. Wer dieses Jahresticket kauft, kann den öffentlichen Verkehr im ganzen Land nutzen für umgerechnet gerade mal 3 Euro pro Tag. Am Ende ist es eine politische Entscheidung. Da sehe ich in Deutschland Nachholbedarf. Auch was die Internetverbindungen und den Empfang unterwegs angeht.

In Deutschland beschweren sich sehr viele sehr oft uber die Bahn. Finden Sie das berechtigt?
Es ist ein Nationalsport, nicht nur in Deutschland. Ich beobachte das auch in Ländern wie Österreich oder der Schweiz, wo es sehr gut läuft und sich die Leute trotzdem beschweren. Ich glaube, das ist ein gutes Ventil, um Frust und Aggressionen abzulassen. Unfair wird es, wenn die Mitarbeiter der Bahn es abbekommen. Die müssen fast schon Psychotherapeuten sein. Ich glaube, eigentlich läuft auch in Deutschland Vieles ziemlich gut. Wir brauchen hier nur mehr Züge und Bahntrassen. Wir müssen auch schneller die Strecken elektrifizieren.

Weil durch das Neun-Euro-Ticket im Sommer vermutlich deutlich mehr Menschen in Deutschland Zug fahren werden: Welche Strecken können Sie empfehlen?
Die Schmalspurbahn in Zittau ist herrlich. Und durch den Harz fahre ich sehr gerne. Eine der schönsten Strecken überhaupt ist eine sehr kurze am Bodensee: Von Lindau-Reutin nach Lindau-Insel. Sie sehen die Berge und wenn Sie auf die Insel fahren, links und rechts den Bodensee.

Sie wären am liebsten Lokführer geworden, was aber an den Augen scheiterte. Es klingt, als hätten Sie einen Weg gefunden, diesem Wunsch doch sehr nahe zu kommen.
Ja, wenn ich Lokführer geworden wäre, wäre ich heute sehr wahrscheinlich kein Schriftsteller. Und das wäre schade. Aber im Herzen bin ich doch der Eisenbahner geworden.

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