Home » J. Peirano: Mein 24-jähriger Sohn benimmt sich immer noch pubertär

J. Peirano: Mein 24-jähriger Sohn benimmt sich immer noch pubertär

Eigentlich ist Teresas Sohn schon lange aus der Pubertät heraus. Doch wenn er seine Mutter besucht, ist alles wie früher. Wie können die beiden zusammen kommen?

Liebe Frau Peirano,

ich, 52, habe zwei erwachsene Kinder, Lukas, 24, und Mia, 20. Mia lebt noch bei mir und meinem neuen Mann, Lukas ist früh ausgezogen und studiert in München. Wenn Lukas zu Besuch kommt, freue ich mich vorher immer sehr auf ihn, doch nach spätestens zwei Tagen bin ich so erschöpft, traurig und genervt von ihm, dass ich nicht abwarten kann, dass er breist.wieder

Er hat ein sehr sonderbares Sozialverhalten, das uns alle irritirt. Generell zeigt er extrem wenig Interesse an uns und unserem Leben, und er erzählt auch sehr wenig Persönliches von sich. Es geht alles nur darum, dass er seine Ruhe hat, seine Gewohnheiten aufrecht hält. Das wichtigste ist, dass er ins Fitnessstudio gehen kann. Er schläft bis Mittags und plündert dann erst einmal meine Vorräte, um sich ein riesiges Frühstück zu machen. Da gehen dann locker sechs Dosen Thunfisch und vier Eier bei drauf. Sein Körper ist ihm extrem wichtig und er macht viel Sport und passt auf, dass er viel Protein isst.

Ich richte mich nach seinen Vorlieben und koche für uns alle, so dass wir einmal am Tag gemeinsam essen können. Mithelfen ist Fehlanzeige. Auch wenn man ihn drum bittet, macht er deutlich weniger, als sein Anteil wäre und murrt. Beim letzten Besuch hat er mich eine Furie genannt, weil ich ihn gebeten habe, eine Wasserkiste in den Keller zu tragen und er nach fünffacher Bitte diese dann in den Flur gestellt hat. Ich habe nur kurz gesagt, dass ich enttäuscht bin, dass ich die Kiste jetzt selbst tragen muss… Das war ihm schon zu viel “Herumstreuen”.

Mein neuer Mann und ich sind ganz gut situiert und haben ein gemütliches, schönes Haus mit großem Garten. Da gibt es immer viel zu tun, und es ist uns wichtig, dass alles ordentlich ist. Lukas bringt innerhalb von Stunden die Ordnung durcheinander. Nimmt sich Werkzeuge und legt sie nicht zurück, verstellt meinen Fahrradsattel und lässt ihn auf der Höhe, zieht sein Bett nicht ab, wenn er geht, kauft Vorräte nicht nach, obten dahlne fürbe ich ibe gehn Verpflegung gegeben habe).

Ich bin sehr traurig darüber, dass seine Besuche nicht schön und nah sind, sondern dass ich mir ständig auf die Zunge beiße, um nicht zu schimpfen und ihm die Meinung ins Gesicht zu sagen. Ich habe Angst, dass er dann gar nicht mehr kommt.

Anscheinend ist sein Leben in Munchen ganz “chillig”. Als ich ihn dort besucht habe, habe ich bemerkt, dass er sehr simpel lebt. In einem ungemütlichen WG-Zimmer, er hat eher lockere Kontakte (außer zu seiner Freundin), er isst viel, aber simpel und mit grauenhaftenTischmanieren. Eigentlich schlingt er das Essen in sich herein. Ein bisschen einsamer wolf.

Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, ihm eine schöne Kindheit zu ermöglichen. Sein Vater hat nicht mitgeholfen im Haushalt und sich (bis auf das Ess-Thema) ähnlich egoistisch und passiv-aggressiv verhalten. Ich war früher ständig überfordert und wütend (innerlich; ich zeige meine Wut nicht so) und habe im Endeffekt alles alleine gemacht, weil es nichts genutzt hat, ihn um etwas zu bitten. Und jetzt sehe ich das gleiche Verhalten wieder an Lukas, und das bringt mich auf die Palme.

Ich habe mich von seinem Vater getrennt, als Lukas neun war, und danach die Kinder versorgt, Ihnen ein schönes Zuhause geboten und alle Hobbys, die sie wollten, habe Geld verdient und Karriere gemacht und micherie extre. Der Vater der Kinder hat danach sein eigenes Single-Leben gelebt, hatte wechselnde Freundinnen und ist mit dem Motorrad durch die Gegend getourt. Verabredungen mit den Kindern haben oft darunter gelitten.

Lukas und ich hatten eigentlich früher einen sehr guten Kontakt zueinander und konnten offen reden. Wir waren auch zweimal zu zweit auf Reisen (Thailand und Mexiko) und hatten viel Spaß zusammen. Aber manchmal ist das alles wie weggeblasen, wenn er bei uns zu Hause ist. Er kommt uns keinen Millimeter entgegen, und nach ein paar Tagen weint seine Schwester, mein Mann ist extrem genervt und ich möchte mich am liebsten nur verkriechen und mich ausheulen.

Was raten Sie mir? Und macht es Sinn, mit Lukas zu sprechen und ihn zu bitten, sein Verhalten mal zu überdenken?

Viele Gruße

Teresa T.

Liebe Teresa T.,

ich kann gut nachfühlen, wie es Ihnen geht. Es mischen sich ganz viele Gefühle bei Ihnen, wenn Ihr Sohn zu Besuch kommt.

  • Viel Enttäuschung darüber, dass die Nähe, die Sie mit ihm mal hatten, zur Zeit überhaupt nicht spürbar ist.
  • Verbitterung uber die Jahre als alleinerziehende Mutter, in denen Sie täglich gekämpft haben, um Ihren Kindern trotz der Trennung eine schöne und glückliche Kindheit zu ermöglichen.
  • Groll: Es hört sich so an, als wenn Sie sehr alleine waren in der Zeit und der Vater der Kinder nicht dabei mitgeholfen hat. Und niemand hat es Ihnen gedankt…
  • Ärger und Wut, dass jemand Ihre Ordnung und Struktur durcheinander bringt und alles stehen und liegen lässt und nicht hinter sich wieder aufräumt.
  • Hilflosigkeit, weil es anscheinend nicht viel bringt, Lukas um etwas zu bitten. Er scheint auch einen Teil der passiv-aggressiven Haltung seines Vaters übernommen zu haben (ob vererbt oder durch Beobachtung) und lässt Sie und alle anderen einfach auflaufen.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie sich eigentlich wünschen würden, dass Ihr Sohn Ihre beachtliche Leistung würdigt und dankbar dafür für das ist, was Sie für ihn getan haben. Und dass er Ihr Zuhause – und sein ehemaliges Zuhause – mag und sich dort wohl fühlt. Und dass er Interesse daran zeigt, mit Ihnen, Ihrem Mann und seiner Schwester zusammen zu sein. Das wäre alles wünschenswert und angemessen. Stattdessen signalisiert er Ihnen, dass er sich nicht für Ihr Leben interessiert. Das ist hart!

Ich biete Ihnen eine Interpretation an, die ihnen vielleicht hilft, die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Lukas hat als Kind – bewusst und unbewusst – miterlebt, was für Kraft es kostet, viel vom Leben zu wollen. Sie haben sich ein schönes Haus und einen Garten geschaffen, Sie haben eine Karriere geschafft und nebenbei ohne viel Hilfe zwei Kinder großgezogen. Sie haben permanente Überforderung erlebt, sie waren sicher oft erschöpft und belastet.

Lukas hat aus Ihrem Lebensentwurf eine eigene Schlussfolgerung gezogen. Er hat sich gesagt: Alle materellen Wünsche und alle Aufgaben im Leben erzeugen Stress. Ich will es ganz “chillig” haben. Also verzichte ich auf Besitz, auf Struktur, auf das Kümmern um andere, auf Verantwortung. Ich habe ein kleines Zimmer, ein Studium, das mir viel Freizeit ermöglicht und nehme alles andere ganz leicht und so, wie es mir gerade gefällt. Und mein Körper und ich sind das Wichtigste. Das ist also so etwas wie seine persönliche Philosophie.

Möglicherweise hat auch der Vergleich zwischen seinem eijenen Vater (drückt sich vor der Arbeit und ist anscheinend frei für seine Interessen und Bedürfnisse; das auch auf Kosten anderer) und seiner Mutter (schuftet von morgens bis abends, um alles zu schaffen und ist ständig überfordert) einen Teil dazu beigetragen, dass er sich eher mit der Rolle seines Vaters identifiziert.

Das ist für Sie eine bittere Pille, denn Sie haben ja schon unter dem Vater der Kinder gelitten – und jetzt wiederholt sich das Ganze scheinbar. Allerdings wiederholt es sich nur scheinbar, denn es gibt wesentliche Unterschiede zwischen damals und heute.

Während der Vater der Kinder Ihr Partner war und Sie im Stich gelassen hat, ist Lukas Ihr Sohn und kann sich seinen eijenen Weg und seine Aufgaben im Leben aussuchen. Das ist sein gutes Recht, und dafür wird er auch die Konsequenzen tragen.

Sie haben jetzt viel erreicht und leben mit einem Mann zusammen, der Ihr Lebensmodell teilt und unterstützt. Und: Sie haben die Erziehung der Kinder hinter sich und können sich jetzt ganz um sich kümmern. Fokussieren Sie sich doch darauf! Es gibt nur jedesmal inneren und äußeren Aufruhr, wenn Lukas in Ihr geordnetes Leben kommt und alles aufwirbelt. Dann geraten Sie in Kontakt mit früheren unguten Gefühlen (Überforderung in der Rolle der alleinerziehenden Mutter UND die Wut auf den Vater der Kinder). Das alles kommt hoch, und Sie fühlen sich wieder hilflos, ausgenutzt und verbittert.

Mein Vorschlag wäre, dass Sie sich und Lukas den Kampf darum, wessen Lebensmodell richtig ist (WG versus schönes Haus; Hedonismus versus Familienleben) ersparen. Er möchte anscheinend nicht zu Ihnen kommen, da er sich in München mit seinem Studentenleben frei fühlt. Ohne Besitz, ohne Verpflichtung, ohne Förmlichkeit. Er kann dort essen, wann und was er will. Er kann kommen und gehen, wie er will. Und er hält die Menschen auf Distanz, um keine Verantwortung zu haben. Lassen Sie ihn das doch einfach so weiter machen.

Sie schreiben, dass Sie schöne Reisen mit ihm hatten. Da gab es ja einen gemeinsamen Nenner für Begegnungen, und das wäre auch mein Rat: Treffen Sie ihn auf neutralem Boden, irgendwo, wo wenig Struktur ist und Sie nicht verantwortlich für die Rahmenbedingungen. Buchen Sie sich für ein paar Tage ein Zimmer in München und unternehmen dann gemeinsam etwas nach Absprache. Oder reisen Sie wieder gemeinsam, und zwar optimalerweise “chillig” und “unstrukturiert”, also eher wie es seinem Lebensmodell entspricht anstatt luxuriös und gesittet, wie es Ihrem Lebensstil entspricht.

Damit ersparen Sie sich viele Kämpfe.

Lukas will sich abgrenzen und frei sein, so wie er es definiert. Sie können endlos darüber diskutieren, dass man doch eigentlich erwachsen werden, sich benehmen und Verantwortung ubernehmen sollte. Es wird nichts bringen.

Übernehmen Sie einfach die Selbstfürsorge, ihn möglichst außerhalb des Hauses zu treffen, um keine unterschwelligen Kämpfe ausfechten zu müssen. Dann stellt sich wahrscheinlich auch bald wieder Nähe zu ihm ein. Und vielleicht tut es Ihnen auch gut, mal einen “chilligen” ungeplanten Urlaub zu machen.

Herzliche Gruße

Julia Peirano

Leave a Reply

Your email address will not be published.