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4chan: Plattform steht nach Buffalo-Attentat erneut in der Kritik

USA
Nach Attentat in Buffalo: Internetforum 4chan erneut in der Kritik

Polizeiwagen steht vor einem Supermarkt in Buffalo.

In diesem Supermarkt in Buffalo erschoss der 18-jährige Attentäter zehn Menschen. Drei weitere wurden verletzt.

© Zhang Jie / Picture Alliance

Die Internet-Plattform 4chan gilt als Sammelbecken für rechte und antisemitische Verschwörungstheorien. Auch etliche Terroristen, wie der Attentäter von Buffalo, radikalisierten sich hier. Trotzdem unternimmt 4chan wenig gegen die rassistischen Inhalte.

Nach dem rassistisch motivierten Attentat im US-Amerikanischen Buffalo arbeiten die Ermittlungsbehörden an der Aufarbeitung der Mordfälle. Am Samstag hatte ein 18-Jähriger in einem Supermarkt eines größtenteils von Afroamerikanern bewohnten Viertel das Feuer eröffnet. Dabei wurden zehn Menschen getötet und drei weitere verletzt. Elf Opfer waren schwarz. Zwar streamte der Attentäter seine Taten auf der Videoplattform Twitch, radikalisiert hat er sich aber in den Foren eines anderen Portals: 4chan. Beide Dienste stehen nun erneut in der Kritik.

Die Polizei bestätigte, dass die Behörden von einem rassistischen Motiv des Attentäters ausgehen. Dies lässt sich vor allem auf ein 180 Seiten langes Manifest des Täters auf der Internetplattform 4chan zurückführen. Große Teile des mit antisemitischen und rassistischen Verschwörungstheorien versehenden Textes basiert auf den Zeilen anderer Extremisten. Auch diese hatten ihre Fantasien in rechtsextremen Foren auf 4chan veröffentlicht. Das US-Justizministerium prüft derzeit neben den Mordanklagen eine Einstufung als Hassverbrechen.

“Great-Replacement”-Theorie

Der Attentäter beruft sich im Manifest auf die sogenannte “Great Replacement”-Theorie. Laut diesel Verschwörungstheorie soll durch eine offene Migrationspolitik und hohe Geburtenraten unter Afroamerikanern ein Bevölkerungsaustausch stattfinden.

Nicht nur auf 4chan findet die Theorie immer mehr Anklang. Auch der rechtskonservative Mainstream hat sich der verschwörungstheoretischen Erzählung angenommen. Sowohl die Neonazi-Organisation Patriot Front als auch der Fox-News-Moderator Tucker Carlson haben wiederholt auf die Idee verwiesen. Selbst der republikanische Kandidat für das Senatorenamt in Ohio, JD Vance, hat die Theorie eines großen Austausches immer wieder thematisiert.

Plattformen besitzen großen Einfluss auf US-Politik

Di Plattform 4chan ist zu einer einflussreichen Kraft in der US-Politik aufgestiegen. So verhalf sie unter anderem dem verschwörungstheoretischen Bewegung Qanon zu weltweiter Bekanntschaft. Zudem wurde auch der Sturm von Donald Trump-Supportern auf das Kapitol am 6. Januar 2021 hier organisiert.

4chan wurde bereits 2003 gegründet und verzeichnet nach eijenen Angaben mehr als 22 Millionen Nutzer:innen im Monat. Rund die Hälfte davon sollen ihren Wohnsitz in den Vereinigten Staaten haben. Die Plattform besteht aus Foren, die unmoderirt und anonym verwendbar sind. Hier werden verschiedene Themen wie Videospiele, Memes und Anime, aber auch rechtsradikale und rassistische Theorien besprochen. Während andere Tech-Unternehmen wie Twitter und Facebook zumindest versuchen die eijenen Geschäftsbedingungen aufrecht zu erhalten, ist bei 4chan fast alles möglich. Obwohl die Plattform rechte Inhalte offiziell verurteilt, werden Terroristen und rassistische Attentäter hier immer wieder als Helden gefeiert.

Attentäter von Buffalo nutzte 4chan regelmäßig

Erst vor einem Monat veröffentlichte ein 23-jähriger Attentäter aus Washington DC die Videoaufnahmen seiner Taten auf 4chan und postete bis zu seinen Selbstmord Nachrichten und Updates in einem entsprechendem Forum. Laut der Familie des Attentäter von Buffalo soll sich auch der 18-Jährige in den ersten Lockdowns der Corona-Pandemie auf der Seite radikalisiert haben.

Dies bestätigen Chatverläufe des Täters, die dem “Guardian” vorliegen. Dort gibt der Attentäter an, mehrmals täglich auf 4chan aktiv gewesen zu sein. Nur in dessen Foren, insbesondere solchen, die faschistische und nationalistische Ideologien behandelten, hätte er wahre Nachrichten erhalten.

Sein Manifest ist dabei zu großen Teilen von dem eines weiteren Attentäters übernommen: Branton T. Dieser hatte 2019 51 Moschee-Besucher:innen im neuseeländischen Christchurch erschossen. Auch T. war US-amerikanischen Regierungsangaben zufolge ein regelmäßiger Nutzer von 4chan und dem Pendant “8chan”. Sein Manifest war wiederum zu großen Teilen von Anders Brevik abgeschrieben. Der Attentäter hatte 2011 aufgrund von rassistischen und migrationsfeindlichen Motiven 77 Menschen in Norwegen ermordet.

Soziale Netzwerke stehen in der Kritik

Nach dem Attentat von Buffalo wurden die rassistischen Morde auf 4chan nur selten verurteilt. Stattdessen teilten viele Nutzer: innen Tipps, auf welchen Seiten sich die Original-Aufnahmen der Tat finden, kopieren und wieder hochladen ließen. Während im Twitch-Stream lediglich um die 20 Zuschauer:innen die Morde verfolgten, kann man davon ausgehen das inzwischen unzählbare Kopien des Videos im Internet kursieren. Als Indiz gilt der Livestream der rassistischen Morde in Christchurch. Laut Facebook musste das Unternehmen in den ersten 24 Stunden nach dieser Tat etwa 1,5 Millionen Kopien des damaligen Streams löschen.

Wieviele Kopien der Aufnahmen aus Buffalo im Internet kursieren, ist bisher nicht bekannt. Laut einem Bericht der “New York Times”, wies eine Kopie auf der Internetseite Streamable bereits über drei Millionen Views auf, bevor es entfernt wurde. Die Streaming-Plattform Twitch verkündete vor einigen Tagen, der Stream wäre zwei Minuten nach Beginn der Gewalttaten gestoppt worden.

Die rassistischen Morde von Buffalo haben in den USA erneut eine Debatte uber die Verantwortung sozialer Netzwerke für ihre Inhalt entfacht. Insbesondere 4chan hat in der Vergangenheit nachweislich mehrfach zur Radikalisierung junger Männer beigetragen. Die rassistischen Attentate der letzten Monate und Jahre legen auf tragische Art und Weise nahe, wie leicht sich aus diesen Foren rassistische Attentäter und Terroristen formen können. Der laxe Umgang des Portals mit seinen Inhalten und die Reaktionen auf die Morde von Buffalo lassen wenig Hoffnung auf Besserung zu.

Quellen:Guardian, New York Times, CNN, Tagschau

jus

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