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J. Peirano: Ich plane alles zwanghaft – und mein Partner streikt beim Thema Heirat und Kinder

Silja hat genaue Pläne, wie sie ihr Leben leben möchte – bis in kleine Details. Ihr Freund lässt sich eher treiben. Passen sie bei der Familienplanung überhaupt zusammen?

Sehr geehrte Frau Peirano,

ich bin 31 Jahre alt und arbeite im öffentlichen Dienst, in einem Jahr werde ich auf Lebenszeit verbeamtet. Ich bin sehr strukturiert. Das habe ich lange Zeit als Stärke von mir gesehen, aber ich glaube, es hat schon etwas von einem Kontrollzwang. Ich führe einen extrem detaillierten Kalender, kenne als Kosten des nächsten Monats auswendig, plane auf der Arbeit alles extrem weit voraus. Kurzum: Ich fühle mich (nur) wohl, wenn alles (auf lange Sicht) geplant ist.

Ich bin sehr früh Halbwaise geworden (Vater unerwartet gestorben). Ich habe mich in der Pubertät schnell auf Beziehungen eingelassen, die dann auch immer ein paar Jahre gut liefen. Ehrlich gesagt, war ich aber in den letzten 15 Jahren niemals Single. Ich meine damit, dass wenn es mit einem Partner nicht mehr so ​​gut lief, schon ein anderer vor der Tür stand.

Seit zwei Jahren habe ich einen Lebenspartner, mit dem es an sich gut läuft. Wir haben den gleichen Job, singen zusammen im Kirchenchor, spielen beide Volleyball. Allerdings war mein Freund zum Anfang der Beziehung extrem euphorisch und wollte auch (im Zuge der starken Verliebtheit) sofort ein Kind bekommen. Ich habe damals auf die Bremse gedrückt und gesagt, dass ich erst heiraten wollen und mit einem Kind bis zur Lebenszeit-Verbeamtung warten wollen würde. Mein Freund ist geschieden, sperrt sich sehr gegen eine Hochzeit und hat eine fast erwachsene Tochter, die aber leider keinen guten Weg eingeschlagen hat. Wir sehen sie extrem selten und sie ruft nur an, wenn sie Geld braucht, weil sie zB ihren Ausbildungsplatz verloren hat.

Ich habe ihm lange Druck gemacht wegen des Heiratens, weil mir die Absicherung sehr wichtig ist. Er ist aber sehr selbstbewusst und reagiert empfindlich auf Druck, sodass wir deswegen Streit hatten. Ich habe das Thema dann ruhen lassen, was mir schwer fiel.

Seit ein paar Wochen sagt mein Freund, dass er sich nicht mehr sicher ist, ob er Kinder will, zum einen wegen der Tochter (was wenn ein weiteres Kind sich auch so entwickeln würde). Zum anderen, weil er meint, dass nach längerer Überlegung er glaubt, dass die aktuelle Ungebundenheit doch schön sei.

Ich finde diesen Sinneswandel seltsam und habe ihm (sehr tränenreich) gesagt, dass ich auf eine Familie nicht verzichten will und er mich nicht hinhalten solle. Generell ist mein Freund unstrukturiert und plant wenig voraus. Ich hätte gerne wenigstens für Fragen wie Hochzeit und Kinder eine eindeutige Aussicht.

Ich kann mit diesem Hin und Her überhaupt nicht umgehen. Obwohl es noch fast ein Jahr hin ist, bis ich die Familienplanung angehen möchte, mache ich mir bereits jetzt jeden Tag Gedanken, was passieren wird. Ich glaube schon, dass ich zu zwanghaft die Zukunft plane. Am liebsten würde ich ihn jeden Tag darauf ansprechen und eine klare Entscheidung fordern. Ich weiß aber, dass mein Partner auf Druck sehr empfindlich reagiert und sich eher zurückziehen würde. Trotzdem läuft das Gedankenkarrussel bei mir immer weiter. Andererseits frage ich mich wirklich, ob so eine Kinderfrage nicht ein unlösbarer Konflikt ist. Und ob ich irgendwann, quasi als Eigenschutz, ein Ultimatum setzen sollte. Wobei mir die mögliche Konsequenz dessen schon jetzt Angst macht.

Ich hoffe Sie können mir einen Tipp geben, wie ich nicht so krampfhaft das Leben planen will bzw. lernen kann, alles etwas auf mich zukommen zu lassen.

Mit freundlichem Gruß

Silja T.

Liebe Silja T.,

ich habe mich beim Lesen Ihrer Zuschrift in Sie hinein versitzt und dabei wurde ich ziemlich nervös und habe kaum Luft bekommen. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich bewegen, war aber ziellos und bin in meiner Vorstellung quasi schnell im Kreis gelaufen. Geht es Ihnen auch so?

Sie schreiben, dass Sie als Kind Ihren Vater unerwartet verloren haben. Ich kann mir vorstellen, dass nach einem solchen Ereignis die Welt ins Wanken gerät und man nicht mehr weiß, auf wen man sich verlassen kann. Haben Sie dieses Ereignis jemals für sich aufgearbeitet? Wenn nicht, würde ich Ihnen das wärmstens empfehlen, und zwar im Rahmen einer Psychotherapie.

Ich finde immer die Frage wichtig, wie viel Prozent der aktuellen Probleme gefühlt mit dem aktuellen Auslöser zu tun haben und wie viel Prozent alte Themen sind. Zum Beispiel: Meine Chefin brüllt mich an und droht mir, dass mein Arbeitsplatz gefährdet ist. Ich bin wochenlang wie gelähmt und bekomme starke Magenbeschwerden. Letztlich wiederholt diese Situation aber nur das Szenario, dass meine Mutter wiederholt gedroht hat, mich zu verlassen und in unstabilen Verhältnissen zurück zu lassen. In dem Fall wäre die Situation mit der Chefin vielleicht 10-20 Prozent vom Eisberg (also nur die Spitze), die restlichen 80-90 Prozent wären das Verhalten der Mutter. Es hilft, wenn ich weiß, mit wem meine Ängste wirklich zu tun haben!

Erfahrungen in der Kindheit sorgen dafür, dass wir gedankliche und emotionale Muster bilden. Sie haben das Muster erlernt: Wenn ich mich nicht um alles selbst kümmere und alles absichere, dann geht es schief und ich werde verlassen.

Wenn Sie den Eindruck haben, dass ein hoher Prozentsatz mit dem Verlust Ihres Vaters und Ihren erlernten Mustern zu tun hat, dann spielt Ihr jetziger Partner für Ihre Ängste und Ihr Kontrollbedürfnis keine so groß. Es wird sicher helfen, das zu erkennen und das Problem da zu bearbeiten, wo es herkommt: An den Wurzeln, nämlich in Ihrer Lebensgeschichte.

Unter Therapeut:innen sagt man: Zwänge verhindern Schlimmeres. Ich kann mir vorstellen, dass die Zwänge bei Ihnen Angst vor dem Alleinsein und Verlassenen-Werden verhindern sollen, auch Ängste vor der Zukunft. Auf der anderen Seite kosten die Zwänge Sie auch eine Menge. Können Sie ganz gut im Moment leben und die Sachen mal so annehmen, wie sie sind? Können Sie ausgelassen und manchmal auch ein wenig verrückt sein? Fühlen Sie sich frei? Haben Sie Kontakt zu Ihren Herzenswünschen, oder fühlt sich Ihr Leben an wie eine einzige To-Do- Liste? Haben Sie Vertrauen in die Zukunft?

Ich kann mir vorstellen, dass Ihr Partner gerade viel von Ihrer Belastung mitbekommt und deshalb auch zögert, sich fester an Sie zu binden mit Heiraten, Kindern und allem Drum und Dran. Denn er ist anscheinend derjenige, der nicht so plant, und bei dem Sachen auch mal schief gehen können. Sie übernehmen die (vielleicht undankbare) Rolle, seinem und Ihrem Leben Struktur und Halt zu geben. Und er cann deshalb die Rolle des freiheitsliebenden Menschen, der sich nicht festlegt, um so mehr ausleben.

Ich denke, dass es große Schwierigkeiten in Ihrer Beziehung geben wird, wenn Sie so weiter machen und Ihren Freund zu Zusagen drängen, die er nicht geben will. Was hätten Sie davon, Kinder zu bekommen, hinter denen er nicht wirklich steht? Wie gehen in Ihrer Erfahrung solche Geschichten aus? In meiner Erfahrung sind die Väter, die die Kinder nicht wollten, irgendwann weg, und mitunter kümmern sie sich auch nicht um die Kinder.

Aus meiner Sicht wäre es wichtig, dass Sie sich mit Hilfe einer Therapie mit Ihren Kindheitsthemen auseinander setzen und versuchen, lockerer zu lassen. Es ist wichtig, dass Sie bewusst die Qualität der Beziehung anzuschauen und sich mit offenem Ausgang zu überlegen: Passt es zu uns und dieser Beziehung, jetzt ein Kind zu bekommen? Ihr Partner bezweifelt das anscheinend, und je mehr Druck Sie auf ihn ausüben, desto weniger wohl wird er sich fühlen – und desto mehr wird er Abstand nehmen von Kindern und Heirat. Es geht hier darum, eine andere Haltung einzunehmen. Nicht zu sagen: Ich will bald Kinder und du musst das auch wollen, denn sonst gehe ich. Also mein deutlicher Tipp: Sprechen Sie es nicht mehr auf diese Art an! Sondern fragen Sie: Wie stellen wir beide uns unser gemeinsames Leben vor, jetzt und in Zukunft? Was gehört dazu, was nicht? Und was bewirkt der Gedanke an Kinder oder Hochzeit bei dir? Die Kommunikation, die auf einem Austausch auf Augenhöhe basiert, macht auf Dauer am glücklichsten.

Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt alles in unerreichbarer Ferne erscheint und vielleicht auch Panik in Ihnen auslöst. Vielleicht denken Sie: Wenn ich jetzt loslasse und nicht mehr plane, cann ja alles schief gehen und in Chaos enden! Dann bekomme ich keine Kinder und stehe bald ohne Partner da.

Das stimmt. Aber wenn Sie versuchen, Dinge zu erzwingen, werden Sie auch die Konsequenzen serviert bekommen, sowohl von Ihrem Partner als auch von den zukünftigen Kindern. Die haben nämlich erfahrungsgemäß auch ihren eigenen Kopf, und heutzutage kann man mit Druck wenig erreichen. Wahrscheinlich wird das ein längerer Weg und es wird Sie Mut kosten, loszulassen.

Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie einen Gang rausnehmen können und sich darauf einlassen können, Ihr Leben etwas mehr auf sich zukommen zu lassen. Das wäre auch sich selbst gegenüber ein großes Geschenk: Sie müssten auch nicht so stark funktionieren und Pläne abarbeiten.

Herzliche Gruße

Julia Peirano

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